Wenn die Logik aussetzt: Nervensystem und Führung in komplexen Situationen

Ein Gespräch zwischen Franziska Gottschalk und Christian Hofstetter

Was passiert, wenn Führungskräfte in stressigen Situationen plötzlich nicht mehr klar denken können? Wenn intelligente Menschen, die normalerweise Lösungen finden, blockiert sind oder explodieren? In dieser Value Talks Episode taucht Christian Hofstetter mit Franziska Gottschalk in ein oft übersehenes Thema ein: Nervensystem und Führung. Ein Gespräch über Fight, Flight, Freeze – und darüber, warum Selbstregulation die unterschätzte Basis für wirksame Führung ist.

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Es gibt diesen einen Moment im Workshop, den Christian nie vergessen wird. Erstes Mal mit einem neuen Team. Im Check-in spürt er plötzlich, wie sein Bauch sich zusammenzieht. Er zieht sich physisch zurück, sucht eine Wand im Rücken – Schutz. Am Ende des Tages, beim Feedback, kommen kritische Stimmen. Und dann passiert es: Er rutscht in eine krasse Verteidigungshaltung, fast in einen Kampf mit den Teilnehmenden. Im Nachhinein weiss er, dass das nicht er war. Aber in diesem Moment hatte sein Nervensystem die Führung übernommen.

Genau darum geht es in dieser Episode. Dein Nervensystem führt mit. Immer. Ob du willst oder nicht.

Die zwei Stränge des autonomen Nervensystems

Franziska erklärt es so: Neben dem bewussten, willentlichen Teil unseres Nervensystems gibt es das autonome Nervensystem – jenen Teil, der ohne unser Zutun atmet, verdaut, Blutfluss steuert. Dieses autonome System hat zwei Stränge:

  • Den Sympathikus – der für Power, Kraft und Leistung sorgt. Im gesunden Zustand mobilisierend. Wenn er kippt: Fight oder Flight. Kampf oder Flucht.
  • Den Parasympathikus – verantwortlich für Regeneration und Entspannung. Wenn er kippt: Freeze. Erstarrung, manchmal sogar Kollaps.

In Führungssituationen sind wir immer wieder in diesen Modi. Und das Krasse: Wenn wir dort sind, gehen die Scheuklappen zu. Wir hören nicht mehr richtig zu. Die Stimme verändert sich. Wir kriegen einen Tunnelblick. Empathie? Fehlanzeige. Bewusste Reaktion? Unmöglich.

Window of Tolerance: Der grüne Bereich

Christian bringt ein hilfreiches Bild ins Spiel: Das Window of Tolerance von Dan Siegel. Stell dir eine Kurve vor – in der Mitte ist der grüne Bereich. Dort sind wir ruhig, atmen ausgeglichen, fühlen uns sicher in unserer Haut. Dort gilt: «Ich bin hier, und ich kann das.»

Über der oberen Grenze: Überaktivierung. Anspannung. Sympathikus im Kippmodus. Unter der unteren Grenze: Unterforderung im negativen Sinn. Erstarrung. Parasympathikus im Kippmodus.

Wenn ein ganzes Team in diesem überaktivierten Bereich ist – und Franziska beschreibt eine Retraite, in der genau das passiert ist – dann hilft kein Brainstorming, keine Struktur, kein «Lass uns jetzt produktiv werden». Es braucht etwas anderes: Verlangsamung. Raum. Sicherheit.

Co-Regulation: Was Führung von Wurzelnetzwerken lernen kann

Franziska erzählt vom Mykorrhiza – jenem Pilznetzwerk im Boden, das Bäume miteinander verbindet. Grosse Bäume geben kleinen Bäumen Nährstoffe ab. Sie regulieren sich gegenseitig.

Genau das passiert auch in Teams. Wenn eine Person ruhig bleibt, hat das Auswirkungen auf die anderen im Raum. Diese Coregulation ist die unterschätzte Superkraft von Führung. Aber sie funktioniert nur, wenn ich selber reguliert bin.

Das Gegenbeispiel ist schmerzhaft: Franziska erinnert sich an ein Kündigungsgespräch, bei dem die Führungskraft so überfordert war, dass sie zehn Minuten lang nur von sich sprach – wie schlecht es ihr selber gehe. Der gekündigte Mitarbeiter ging mit dem Kündigungsschreiben raus – und mit dem Leid des Vorgesetzten. Eine Geschichte, die Franziska seit Jahren nicht mehr loslässt.

Korrigierende Erfahrungen

Christians Geschichte hat ein Happy End. Sein damaliger Chef sah ihm an, dass er nicht mehr funktionsfähig war. Statt ihn zu belehren, sagte er nur: «Christian, komm. Wir laufen drei Mal ums Gebäude.» Bewegung. Frische Luft. Raum, um zu prozessieren.

Franziska nennt das eine korrigierende Erfahrung – ein psychologisches Konzept, bei dem ein neues Erlebnis frühere prägende Muster überschreibt. Der Chef hat Christian Vertrauen geschenkt. Vertrauen darin, dass Christian die Lösung selber findet. Und genau dieses bedingungslose Vertrauen ist nicht ein Gedanke – es ist eine Empfindung im Körper.

Warum das alles wichtig ist

92% der Mitarbeitenden sind laut Gallup-Studie passiv oder aktiv nicht engagiert bei der Arbeit. Wir reden von psychologischer Sicherheit, von Selbstwirksamkeit, von Eigeninitiative. Aber wie soll das in einem System entstehen, das keine Stabilität vermittelt?

Vertrauen ist am Ende das Gefühl, sich als Mensch in seinem Körper sicher zu fühlen. Und genau hier kommt das Nervensystem ins Spiel. Es ist die Basis. Nicht spirituell, nicht New Work, sondern hochrelevant für die Wirksamkeit von Führung.


Praxis-Tipps für deinen Führungsalltag

1. Achte auf die Signale deines Körpers Bevor dein Nervensystem die Führung übernimmt, gibt dir dein Körper Hinweise. Engegefühl im Bauch, flache Atmung, Stimmenveränderung, Tunnelblick. Lerne diese Signale bei dir selber kennen.

2. Sprich Gefühle und Körperempfindungen aus «Wie geht es dir?», «Was nimmst du in deinem Körper wahr?» – diese Fragen wirken nicht esoterisch, sondern entlastend. Im Team und für dich selbst.

3. Wenn dein Team aufgewühlt ist: Verlangsame Nicht mehr Struktur, nicht mehr Druck. Stattdessen: Pause. Bewegung. Frische Luft. Etwas essen. Raum geben, damit alle wieder bei sich ankommen können.

4. Sei Co-Regulator, nicht Lösungslieferant Wenn jemand bei dir steht und überfordert ist, frage nicht «Wie kann ich dir helfen?». Setze dich an einen runden Tisch. Höre zu. Stelle ein paar Fragen. Vertraue darauf, dass die Person ihre eigene Lösung findet.

5. Schaffe korrigierende Erfahrungen Manchmal braucht es nur drei Runden ums Gebäude. Bewegung, Verbindung, Vertrauen – ohne den Anspruch, gleich Antworten liefern zu müssen.

6. Vertrauen ist eine Körperempfindung Working Agreements zu Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit lassen sich nicht verordnen. Sie entstehen, wenn sich Menschen in ihrem Körper an einem Ort sicher fühlen. Das ist Führungsarbeit.


Workshop-Empfehlung: Leaders in Dialogue

Christian und Franziska vertiefen das Thema gemeinsam in einem ganztägigen Workshop in Zürich:

Leaders in Dialogue – «Mein Nervensystem führt mit» 📅 29. Juni 2026 📍 Zürich 🔗 Mehr Infos und Anmeldung

Ein Tag des Erforschens mit Führungskräften unterschiedlichster Couleur – hierarchisch, klassisch, agil, holistisch. Ziel: Du verlässt den Tag mit korrigierenden Erfahrungen, die du in deinen Führungsalltag mitnehmen kannst.


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Ari Byland

Ari Byland ist der Gastgeber von Value Talks Exchange, einem Podcast, der sich auf Agile, Leadership und New Work konzentriert. Mit einer grossen Leidenschaft für die Verbesserung der Arbeitswelt bringt Ari wertvolle Erfahrungen aus verschiedenen Branchen mit. Sein Engagement für innovative Arbeitsmethoden und sein Streben nach ständiger Verbesserung machen ihn zu einem geschätzten Gesprächspartner für Themen rund um Agilität und effektive Teamarbeit. Ari’s Fähigkeit, komplexe Themen zugänglich zu machen, spiegelt sich in seiner Führung durch die Podcast-Episoden wider, in denen er Experten einlädt, ihre Einsichten und Erfahrungen zu teilen.

Christian Hofstetter

Christian Hofstetter ist ein renommierter Agile und Leadership Coach, der sich darauf spezialisiert hat, Teams und Organisationen bei ihrer Transformation zu unterstützen. Seine Expertise in agilen Methoden und Leadership-Praktiken hat ihm Anerkennung in der Branche eingebracht. Christian ist bekannt für seinen pragmatischen Ansatz, der auf tiefer Empathie und einem soliden Verständnis für die Dynamiken moderner Arbeitsumgebungen basiert. Durch seine Arbeit hilft er Teams, ihre Zusammenarbeit und Effizienz zu maximieren und fördert eine Kultur des kontinuierlichen Lernens und der Anpassungsfähigkeit.

Sowohl Ari als auch Christian stehen als Facilitatoren und Coaches zur Verfügung. Hier geht’s zu den Details.


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