Lorenz Blaumer, Stegreif Orchester

Ohne Dirigent, ohne Noten: Selbstorganisation im Orchester Stegreif

Ein Gespräch von Ari Byland mit Lorenz Blaumer

30 Musikerinnen und Musiker, keine Noten, kein Dirigent. Das klingt nach Chaos. Doch das Stegreif Orchester aus Berlin beweist seit über zehn Jahren: Es funktioniert – und wie. In dieser Episode spricht Ari Byland mit Lorenz Blaumer, Geiger und engagiert in der Gestaltung des Ensembles. Wir erkunden, wie Selbstorganisation im Orchester Stegreif funktioniertein Orchester ohne klassische Hierarchien arbeitet und welche Parallelen sich zur modernen Arbeitswelt ziehen lassen.

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Von Hierarchie zu geteilter Führung
Traditionelle Orchester sind streng hierarchisch organisiert: Der Dirigent gibt Interpretation und Tempo vor, die Musikerinnen führen aus. Das Stegreif Orchester dreht dieses Prinzip um. Hier entscheiden 30-40 Personen aus über 15 Nationen gemeinsam – von der Repertoire-Auswahl bis zur musikalischen Interpretation.

Die ganze Klaviatur der Entscheidungsfindung
Lorenz erklärt, warum eine gute Gruppe viele Führungsstile beherrschen muss: Von demokratischen Prozessen bei strategischen Fragen bis zu autoritären Entscheidungen kurz vor der Premiere. Der Schlüssel: Sich zu Beginn darüber klar werden, wie eine Entscheidung getroffen wird.

Rollen statt Hierarchien
Im Stegreif Orchester rotieren Führungsrollen. Heute leitest du die Probe, beim nächsten Projekt folgst du. Diese Rotation schafft nicht nur Entspannung, sondern auch Resilienz: Wenn jemand ausfällt, können andere einspringen. Und sie fördert Empathie – wer beide Seiten kennt, kann besser zusammenarbeiten.

«Eine gute Gruppe weiss, wann welcher Führungsstil angemessen ist.» 

– Lorenz Blaumer

Psychologische Sicherheit als Fundament für Selbstorganisation im Orchester Stegreif
Wie schafft man einen Raum, in dem 30 Personen ihre Stimme einbringen können, ohne dass alles im Chaos endet? Lorenz beschreibt schmerzhafte Lernprozesse: von endlosen Diskussionen bis zu getimten Feedbackrunden. Sein Fazit: Es braucht Zeit, Regeln dort wo nötig – und vor allem sichere Räume für Metadiskussionen.

Vom Orchester ins Unternehmen
Die Parallelen zur agilen Arbeitswelt sind frappant:

  • Gemeinsame Ziele
  • hohe fachliche Kompetenz
  • intensive Kommunikation
  • die Bereitschaft, verschiedene Führungsmodelle situativ einzusetzen

Lorenz‘ Rat für Führungskräfte: Schafft echte Experimentierräume, nicht nur Simulationen von Gestaltungsspielraum.

Dieses Gespräch zeigt: Selbstorganisation ist kein naives Ideal, sondern harte Arbeit. Es braucht Anfangsinvestitionen, Reibung, Lernen. Aber es lohnt sich – weil es zu überraschenderen Ergebnissen führt, weil es talentierte Menschen anzieht und hält, und weil es nachhaltiger ist als zentralisierte Führung.

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⁠⁠⁠Ari Byland⁠⁠⁠ ist Organisationsentwickler und Professional Scrum Trainer bei Scrum.org.