Ein Gespräch mit Bernhard Reingruber
Bullshit oder Berührung? In dieser Value Talks Episode spricht Christian Hofstetter mit Bernhard Reingruber über sein neues Buch «Von Bullshit zur Berührung» und darüber, wie echte Verbindung der entscheidende Leadership-Skill unserer Zeit ist. Bernhard zeigt, warum wir uns hinter Abstraktionen und Oberflächlichkeiten verstecken – und wie wir durch Kontaktfulness wieder zueinander finden. Ein Gespräch über schwierige Gespräche, über Meetings ohne Agenda und darüber, wie wir endlich aufhören können, so zu tun als ob.
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Wenn Nebel sich über die Kommunikation legt
«Es fühlt sich an wie ein träger Nebel, der sich über das Kommunikationsklima legt», beschreibt Bernhard Reingruber das Phänomen, das uns allen begegnet: Bullshit. Nicht als ordinäres Schimpfwort gemeint, sondern als präziser Fachbegriff aus Philosophie und Gestaltpsychologie. Echte Verbindung im Leadership entsteht genau dort, wo wir aufhören, uns hinter Generalisierungen und Abstraktionen zu verstecken.
In seinem Buch «Von Bullshit zur Berührung» beschreibt Bernhard, wie wir in Organisationen, in der Politik und in persönlichen Beziehungen immer wieder in diesen nebligen Zustand verfallen. Wir reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Wir hören zu, ohne wirklich präsent zu sein. Und das hat Kosten: weniger Lebendigkeit, weniger Verbundenheit, weniger Nähe.
Kontaktfulness statt Mindfulness
Während Mindfulness uns lehrt, im Moment präsent zu sein, geht echte Verbindung im Leadership noch einen Schritt weiter. Bernhard nennt es «Kontaktfulness» – die Fähigkeit, wirklich in Beziehung zu gehen. Nicht nur mit uns selbst, sondern vor allem mit anderen Menschen.
«In der Philosophie bezeichnet Bullshit eine Äusserung, der das Interesse an der Wahrheit gänzlich fehlt», erklärt Bernhard. Das ist eine Zeitdiagnose, die uns überall begegnet. Gerade im Organisationsalltag navigieren wir oft um heikle Themen herum, schiffen um Konfrontationen herum, damit wir bloß nicht in unangenehme Situationen geraten.
Aber genau das holt uns ein. Denn ohne echte Verbindung im Leadership bleiben strukturelle Probleme ungelöst, Teams stagnieren und Innovation erstickt im Tarnkappenmodus.
Die sieben Praktiken für schwierige Gespräche
Bernhards Buch orientiert sich an sieben konkreten Praktiken, um die eigene Kapazität mit herausfordernden Gesprächen zu stärken. Im Value Talks Gespräch teilt er drei besonders kraftvolle Experimente:
1. Meetings ohne Agenda
Klingt verrückt? Ist es auch – und genau deshalb so wertvoll. Bernhard empfiehlt, einen Raum zu schaffen (10 Minuten, 30 Minuten oder eine ganze Stunde), in dem die Agenda ist, keine Agenda zu haben. Zusammenbleiben. Nicht ausweichen. Die eigenen Muster beobachten.
«Für viele ist das außerhalb der Komfortzone», gibt Bernhard zu. «Aber es bringt sehr viel, weil man die eigenen Muster und die Muster voneinander beobachten und hinterfragen kann.»
2. Länger zuhören – wirklich verstehen
Das zweite Experiment: Ein Stück weit länger zuhören. Nicht nur das, sondern feinteilig nachfragen, bis du wirklich verstanden hast, was der andere sagen will. Nicht mit deinen Annahmen drüber, sondern bis du es so erklären könntest, dass die andere Person sagt: «Ja, genau das meine ich.»
«Dann kannst du noch immer dagegen sein», betont Bernhard. «Ich kann noch immer eine andere Meinung haben, aber ich habe zumindest diese Verbindung hergestellt und eine Art von Sicherheit geschaffen.»
Das Wortspiel dahinter: Nicht über das sprechen, was ich meine, dass jemand gemeint haben könnte, weil das könnte gemein sein. Das ist echte Verbindung im Leadership in Aktion.
3. Manchmal tue ich so als ob…
Das dritte Experiment bringt es auf den Punkt: Vervollständige den Satz «Manchmal tue ich so als ob…» und dann den zweiten Teil «während ich eigentlich…».
Beispiele aus dem Organisationsalltag:
- «Manchmal tue ich so als ob ich wirklich offen bin für eure Vorschläge in diesem Meeting, während ich eigentlich versuche, meinen Vorschlag zu legitimieren.»
- «Ich tue so als ob ich dir gerade noch zugehört habe, während ich eigentlich schon fix entschlossen bin, dass wir ein neues Meeting brauchen.»
Bernhard warnt: «Das muss ich nicht sofort aussprechen den anderen gegenüber, das ist schon ein ziemlicher Stretch.» Aber allein die innere Klarheit darüber, wo wir abbiegen – in mehr Bullshit oder in mehr Berührung – ist transformativ.
Von Radical Honesty zu Kontaktfulness
Bernhard kommt aus der Radical Honesty-Tradition, hat aber seinen eigenen Weg gefunden. «Nach dieser reinen Radical Honesty Zeit habe ich mich gefragt, was sich da anbahnt», erzählt er im Gespräch. Das Ergebnis ist ein Ansatz, der wissenschaftliche Expertise mit humorvoller Direktheit verbindet.
Als systemischer Leadership-Coach, psychologischer Gestaltberater und Managing Director von SENA (Social Entrepreneurship Network Austria) bewegt er sich an der Schnittstelle von gesellschaftlicher Transformation, Unternehmertum und Führung. Seine Arbeit bezeichnet er selbst als «Simultandolmetsch zwischen Herz und Hirn».
Der QR-Code im Buch: Verbindung über Ländergrenzen
Ein besonderes Feature in Bernhards Buch ist ein QR-Code, der dich mit einer anderen Person matcht, die das Buch ebenfalls liest. «Über Ländergrenzen hinweg funktioniert das schon», freut sich Bernhard. «Österreich, Schweiz, Deutschland – es gibt schon gematchte Paare.»
Die Übung: Fünf Minuten spricht eine Person, die andere hört einfach nur zu. Dann wird gewechselt. «Wer es in Partnerschaften machen will, macht das einfach achtmal und schaut mal, was das für eine Tiefe an einem kurzweiligen Abend bewirken kann.»
Die Kosten von Bullshit
Warum ist das alles so wichtig? Weil unverbundene Sprache, Generalisierungen und Oberflächlichkeiten uns nicht nur persönlich kosten, sondern ganze Organisationen lähmen. «Wir werden innerlich neblig, taub, gefügig», beschreibt Bernhard. «Wir degradieren unser Innenleben auf einen der hinteren Sitzplätze.»
Das Ergebnis: Weniger Lebendigkeit, weniger Verbundenheit, weniger Nähe. Und wenn das passiert, geraten strukturelle Elemente ins Wanken. Teams funktionieren nicht mehr richtig. Innovationen bleiben aus. Menschen fühlen sich nicht gesehen.
Praktische Umsetzung im Alltag
Du fragst dich, wie du das konkret umsetzen kannst? Hier sind Bernhards Tiny Experiments für mehr echte Verbindung im Leadership:
Im Team-Meeting:
- Startet mit 10 Minuten ohne Agenda – einfach zusammen sein
- Macht eine Check-in-Frage: «Manchmal tue ich so als ob…»
Im Gespräch:
- Höre länger zu, bis du wirklich verstehst
- Frage nach: «Meinst du damit…?» bis die andere Person nickt
Mit dem Partner oder einer Kollegin:
- Setzt euch zusammen, vielleicht mit einem Glas Wein
- 5 Minuten spricht eine Person, die andere hört nur zu
- Dann wechseln – achtmal wiederholen
Für dich persönlich:
- Beobachte, wo du in den «Tarnkappenmodus» gehst
- Frage dich: Wo tue ich gerade so als ob?
- Was will ich eigentlich?
Fazit: Zeit für echte Verbindung
In einer Zeit, die von Geschwindigkeit und Veränderung geprägt ist, brauchen wir mehr denn je die Fähigkeit zur echten Verbindung. Nicht nur im privaten Leben, sondern gerade auch im professionellen Kontext. Echte Verbindung im Leadership ist kein Nice-to-have, sondern der entscheidende Erfolgsfaktor.
Bernhard Reingrubers Buch «Von Bullshit zur Berührung» zeigt uns konkrete Wege, wie wir aus dem nebligen Kommunikationsklima herausfinden. Wie wir schwierige Gespräche führen können. Wie wir aufhören, so zu tun als ob – und stattdessen wirklich in Beziehung gehen.
Die Frage ist nicht, ob wir uns das leisten können. Die Frage ist: Können wir es uns leisten, es nicht zu tun?
Verbindung zu früheren Value Talks Episoden
Diese Episode knüpft wunderbar an zwei frühere Value Talks Gespräche an:
Psychologische Sicherheit mit Karolin Helbig: In dieser Episode ging es um die Grundlagen psychologischer Sicherheit in Teams. Bernhards Ansatz der echten Verbindung im Leadership baut darauf auf und zeigt konkrete Praktiken, wie wir diese Sicherheit durch authentische Begegnung schaffen können.
Echte menschliche Begegnungen mit Jorma Schneider: Jorma sprach über die Transformation von Organisationen durch echte menschliche Begegnungen. Bernhards Konzept der Kontaktfulness ergänzt diese Perspektive perfekt und macht sie durch die sieben Praktiken noch handfester.
Buchtipps
📚 Von Bullshit zur Berührung – Bernhard Reingruber
Das im Gespräch besprochene Buch mit den sieben Praktiken für echte Verbindung und schwierige Gespräche. Inklusive QR-Code zum Matchen mit anderen Lesern.
Zum Buch
📚 Tiny Experiments – Anne-Laure Le Cunff
Christian erwähnt im Gespräch seine Begeisterung für kleine Experimente statt große Veränderungsprogramme. Dieses Buch zeigt, wie du mit winzigen Experimenten große Wirkung erzielst.
Zum Buch
Mehr über Bernhard Reingruber
🌐 Website: www.honestlead.at
🔗 Radical Honesty: www.radicalhonesty.com

