Ein Gespräch zwischen Ari Byland und Christian Hofstetter
Wann hörst du auf, ein Werkzeug zu benutzen – und fängst an, es zu verkörpern? Ari Byland und Christian Hofstetter sprechen im neuen Value Talks Exchange über genau diesen Moment: Wie Liberating Structures für sie vom Instrument zur Grundhaltung wurde. Und was das über Beteiligung, Kontrolle und lebendige Organisationen verrät.
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Der erste Berührungspunkt – Irritation als Erkenntnisquelle
Ari erinnert sich an seinen ersten Immersion Workshop mit Liberating Structures: zwei Tage, kein einziger Slide. Was ihn irritiert hat, war nicht die fehlende Präsentation – sondern die Verschiebung der Aufmerksamkeit. «Meine Aufmerksamkeit war nie so punktuell auf eine Person gerichtet, die vorne steht. Sondern immer auf die Person, mit der ich gerade ein enges Gespräch hatte.» Das war ungewohnt. Und produktiver als alles, was er bis dahin aus Trainings kannte.
Christian schildert einen anderen Schlüsselmoment: Er sass in einem Conversation Café, und plötzlich wurde es ruhig. Nicht weil nichts passierte, sondern weil die Gruppe in ein Gespräch von ungewöhnlicher Tiefe versunken war. «Die Qualität von einem Flow-Zustand einer Gruppe hat so Spuren hinterlassen.» Christian Hofstetter. Dieser Moment – und sein Wunsch, ihn für andere Menschen wiederherzustellen – hat sein Verständnis von Facilitation grundlegend verändert.
Beide haben damals noch nicht begriffen, was da eigentlich passiert war. Sie hatten ein Werkzeug erlebt. Noch keine Haltung.
Die Verliebtheit – und ihre Grenzen
Christian beschreibt die erste Phase ehrlich: Er war verliebt. Er hat Liberating Structures überall eingesetzt, oft auch aktiv benannt – fast mit missionarischem Eifer. Ein neues, wirkungsvolles Instrument, das er unbedingt teilen wollte. Ari kennt das: An einem Workshop hat ein Teilnehmer sie nachgemacht, wie sie schon zum x-ten Mal One-Two-Four-All ankündigten. Ein lustiger, aber lehrreicher Moment.
Das Muster, das sich dahinter verbirgt, kennen viele, die in der Organisationsentwicklung arbeiten: Man entdeckt etwas Wirksames und beginnt, es als universelle Antwort zu sehen. Die Struktur wird wichtiger als die Frage, die sie beantworten soll. Was fehlt, ist das Gespür dafür, wann eine Struktur passt – und wann nicht.
Gleichzeitig hat genau diese Phase etwas Wertvolles geleistet: Sie hat Erfahrung aufgebaut. Ohne die vielen Anwendungen wäre der Shift, der später folgte, nicht möglich gewesen.
Von der Technik zur Haltung
Der entscheidende Satz in diesem Gespräch kommt von Ari: «Von einer Technik zu einer Haltung – kollaborativ, partizipativ, gemeinsam Sachen gestalten.»
Was bedeutet das konkret? Nicht mehr: «Welche Liberating Structure setze ich hier ein?» Sondern: «Wie gestalte ich diesen Raum so, dass alle, die da sind, wirklich beitragen können?» Die Frage ist älter als das Werkzeug. Das Werkzeug hilft, sie zu beantworten. Aber die Haltung kommt zuerst.
Christian erzählt von einem virtuellen Workshop, bei dem er sich unwohl gefühlt hat, weil er 12-13 Minuten lang präsentiert hat. Zu lange ohne Beteiligung. Am Ende des Workshops beschreibt er etwas, das viele kennen und selten benennen: Leute, die vorher kaum etwas gesagt hatten, hatten so viel zu erzählen, sobald man mit ihnen im Breakout war. Das ist das Muster, das Liberating Structures sichtbar macht: Das Wissen und das Engagement sind fast immer schon da. Die Frage ist, ob die Struktur des Settings es zur Geltung kommen lässt.
Beteiligung als Einladung – nicht als Zwang
Eine wichtige Unterscheidung taucht im Gespräch auf: Wirksame Partizipation ist keine Vorstellungsrunde, bei der jede Person weiss, sie ist als nächstes dran. Sie ist eine Einladung. Wenn man etwas beitragen will und kann, dann ist der Raum dafür – und es muss nicht zwingend sein.
Das klingt nach einer kleinen Nüance. Es ist keine. Wer echte Beteiligung gestalten will, muss den Unterschied kennen und spüren. Zwang erzeugt Konformität. Einladung erzeugt Engagement.
Christian bringt noch einen anderen Aspekt ein, der oft übersehen wird: Partizipation kostet. Einen Workshop als Teilnehmerin wirklich mitzumachen – die ganze Zeit präsent, eingeladen zum Beitragen, gefordert zum aktiven Zuhören – ist anstrengend. «Die Einladung zur Partizipation hat einen Preis auf der anderen Seite.» Christian Hofstetter. Gute Facilitation nimmt das ernst. Sie schafft bewusst Raum für Self-Care: Pausen, Atem, die Erlaubnis, sich kurz auszuklinken, ohne die Gruppe zu verlassen.
Subversiver als gedacht
Es gibt noch eine Dimension, die im Gespräch deutlich wird: Liberating Structures sind disruptiv. Wenn Beteiligung plötzlich verteilt wird und nicht mehr die Person mit der formalen Autorität das Meeting durchführt, ist das auch ein Abgeben von Kontrolle. Ari nennt es «ein bisschen subversiv» – und das ist nicht ironisch gemeint.
Christian beschreibt eine junge Frau aus einer europäischen Behörde, die nach einem Immersion Workshop sagte, sie habe keine Chance, das in ihrer Organisation einzubringen. Die Meetings sind, wie sie sind. Das ist kein Einzelfall. Und es zeigt: Diese Muster lassen sich nicht einfach einführen. Sie brauchen ein Umfeld, in dem psychologische Sicherheit vorhanden ist. In dem Führung bereit ist, Kontrolle abzugeben. In dem Veränderung als kontinuierlicher Lernprozess verstanden wird.
Liberating Structures sind in vielen Kontexten anwendbar – aber ihr Potenzial entfaltet sich nur dort, wo das Setting und die Kultur das erlauben.
Praktische Einstiege – für jetzt
Am Ende des Gesprächs kommen Ari und Christian auf konkrete Einstiegspunkte zu sprechen. Christian empfiehlt Ecocycle Planning für alle, deren Kalender überlaufen sind: eine strukturierte Methode, um zu fragen, welche Aktivitäten wirklich noch Energie geben – und welche nur noch Gewohnheit sind. Dazu Troika Consulting, das er jüngst in einem 90-Minuten-Meeting mit zehn bis zwölf Leuten ausprobiert hat: neun oder zehn Fälle aus dem Führungsalltag, behandelt mit frischen Perspektiven von Menschen, die man vorher noch nie getroffen hatte.
Aris Anregung ist noch niedrigschwelliger: Was wäre, wenn du im nächsten Team-Meeting nicht das Agenda-Setting machst? Was wäre, wenn das Team selbst entscheidet, worüber gesprochen wird? Kein Werkzeug nötig. Nur eine Einladung.
Solche Veränderungen – ob im einzelnen Meeting oder im ganzen Organisationssystem – brauchen mehr als gute Ideen. Sie brauchen Übungsräume, Reflexion und manchmal jemanden, der das Design mitdenkt. Bei Value Talks unterstütze ich Teams und Führungspersonen dabei: von ersten Impulsen über konkrete Trainings bis zur langfristigen Begleitung. Falls dich interessiert, wie das in deinem Kontext aussehen könnte, findest du hier den Einstieg: https://valuetalks.ch/team/#kontakt
Was ist deine Erfahrung mit Beteiligung in Meetings und Workshops – habt ihr in eurer Organisation schon Muster gefunden, die wirklich funktionieren? Ich bin gespannt auf deine Perspektive.
Buchtipps
📘 Value Talks – Wirksame Muster für lernende Organisationen Ari Byland (erscheint April 2026) Das Buch, das den Anstoss für diese Episode gab. Ari widmet darin ein Kapitel dem Konzept Organisational Debt und bietet wirksame Muster für lernende Organisationen. 👉 Mehr erfahren
📘 Creating Space for Teams – A Team Coach’s Guide Christian Hofstetter Christians Playbook mit konkreten Workshop-Formaten, unter anderem zu Dynamic Facilitation und dem Aufbau von Psychological Safety in Teams. 👉 Mehr erfahren
Hinweis
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Ari Byland
Ari Byland ist der Gastgeber von Value Talks Exchange, einem Podcast, der sich auf Agile, Leadership und New Work konzentriert. Mit einer grossen Leidenschaft für die Verbesserung der Arbeitswelt bringt Ari wertvolle Erfahrungen aus verschiedenen Branchen mit. Sein Engagement für innovative Arbeitsmethoden und sein Streben nach ständiger Verbesserung machen ihn zu einem geschätzten Gesprächspartner für Themen rund um Agilität und effektive Teamarbeit. Ari’s Fähigkeit, komplexe Themen zugänglich zu machen, spiegelt sich in seiner Führung durch die Podcast-Episoden wider, in denen er Experten einlädt, ihre Einsichten und Erfahrungen zu teilen.
Christian Hofstetter
Christian Hofstetter ist ein renommierter Agile und Leadership Coach, der sich darauf spezialisiert hat, Teams und Organisationen bei ihrer Transformation zu unterstützen. Seine Expertise in agilen Methoden und Leadership-Praktiken hat ihm Anerkennung in der Branche eingebracht. Christian ist bekannt für seinen pragmatischen Ansatz, der auf tiefer Empathie und einem soliden Verständnis für die Dynamiken moderner Arbeitsumgebungen basiert. Durch seine Arbeit hilft er Teams, ihre Zusammenarbeit und Effizienz zu maximieren und fördert eine Kultur des kontinuierlichen Lernens und der Anpassungsfähigkeit.
Sowohl Ari als auch Christian stehen als Facilitatoren und Coaches zur Verfügung. Hier geht’s zu den Details.

