Ein Gespräch zwischen Ari Byland und Christian Hofstetter
Zwei Tage, derselbe Raum, dieselben Teilnehmenden. Am ersten Tag ging ich erschöpft nach Hause, am zweiten war ich im Flow. Verändert hatte sich nichts am Programm, nur mein Erlebnis. Genau dort beginnt die Frage, warum so wenige Menschen bei der Arbeit wirklich dabei sind.
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In dieser Exchange-Episode haben Christian Hofstetter und ich das Setting gewechselt und uns auf einen Spaziergang in die Natur begeben. Statt wie sonst ein Werkzeug mitzugeben, haben wir zurückgeblickt auf das, was uns im letzten halben Jahr wirklich beschäftigt hat. Bei mir waren das die Buchvernissage, die Gründung meiner Firma und die Frage, was Künstliche Intelligenz mit unserer Arbeit macht. Bei Christian seine Ausbildung in Somatic Experiencing, sein eigenes Buch und dieselbe Frage nach der Wirkung von KI.
Ein Erlebnis aus einem gemeinsamen Immersion Workshop hat sich dabei in den Vordergrund geschoben. Am ersten Tag fühlte ich mich nicht in meiner Mitte. Ich verglich mich, wollte mindestens so treffende Beispiele liefern wie Christian, und das kostete Kraft. Am zweiten Tag liess ich diesen Anspruch los. Ich war entspannter, im Flow, und wir ergänzten uns, statt zu konkurrieren.
Diese Beobachtung ist der rote Faden der ganzen Episode. Wir können noch so durchdachte Prozesse und Abläufe bauen. Wenn das Erlebnis der Menschen nicht stimmt, läuft die Arbeit, die wir oben draufsetzen, ins Leere.
Werkzeug oder Haltung
Christian hat seine eigene Sicht in den letzten Jahren verschoben. Früher suchte er die passende Liberating Structure, um psychologische Sicherheit herzustellen. Heute sagt er, viel wichtiger als die einzelne Struktur sei das Erlebnis, das wir gemeinsam schaffen. Es geht um die Haltung, alle einzuladen, sich einzubringen, und um die Erinnerung, dass wir als Begleitende immer Lernende bleiben.
Für eine klassische Organisation ist das ein fast revolutionärer Ansatz. Er rüttelt weniger an den Prozessen als an der Art, wie Zusammenarbeit stattfindet, und das berührt Glaubenssätze und Überzeugungen. Kein Wunder, löst das Spannung aus. Nach dem Workshop sagte ein Teilnehmer, der erste Tag sei für ihn sehr abstrakt gewesen, der zweite sehr praktisch. Christians erster Impuls war, sich zu erklären. Dann erkannte er die Spannung als Teil der Sache, weil eine neue Idee von Zusammenarbeit an die eigene Komfortzone stösst.
«Ich lerne immer etwas aus Spannung.»
– Christian Hofstetter
Wo echte Verantwortung wächst
Bei der Buchvernissage und in vielen Gesprächen danach habe ich Menschen getroffen, die mit Agilität nie etwas am Hut hatten und trotzdem zutiefst partizipativ führen. Eine Person aus einem klassischen Bankenumfeld ist mir geblieben. Sie sagt ihren Leuten nicht, wie sie ihre Arbeit zu erledigen haben. Sie fragt «Was braucht ihr, damit ihr gut arbeiten könnt?». Für mich ist das Servant Leadership in Reinform und ein gutes Bild für wirksame Partizipation.
Solche Verantwortung wächst dort, wo ein gemeinsamer Purpose die Richtung gibt. Wenn ein Zweck trägt, hinter dem sich alle versammeln, braucht es weniger zentrale Kontrolle. Je konkreter dieser Sinn für das einzelne Team und die einzelne Person wird, desto leichter fällt echtes Engagement.
Interessiert an geteilter Führung?
Das Buch «Value Talks – Wirksame Muster für lernende Organisationen» befasst sich in mehreren Kapiteln mit geteilter Führung.
Was Pseudo-Partizipation kostet
Wie gross die Lücke ist, zeigt eine Zahl, über die Christian und ich schon einmal ausführlich gesprochen haben. Gemäss Gallup sind in der Schweiz nur rund neun von hundert Menschen bei ihrer Arbeit aktiv engagiert. Die übrigen rund einundneunzig Prozent machen Dienst nach Vorschrift oder haben innerlich längst gekündigt.
Daraus folgt ein klarer Business Case. Engagierte Menschen sind produktiver, innovativer und anpassungsfähiger. Das Tückische ist, dass die Kosten des Gegenteils in keiner Erfolgsrechnung auftauchen. Sie verstecken sich in Burnouts, Krankheitstagen, Absenzen und hoher Fluktuation. Spürbar sind sie trotzdem.
Heikel wird eine besondere Form: die Pseudo-Partizipation. So zu tun, als dürften Menschen mitgestalten, und sie dann doch nicht mitentscheiden zu lassen, wirkt sich in der Schweiz stark negativ auf das Engagement aus. Dann ist es ehrlicher, klar zu sagen, dass es bei uns keine Mitgestaltung gibt, dafür einen anderen Lohn. So weiss jede und jeder, worauf er sich einlässt. Wirksame Partizipation beginnt mit dieser Ehrlichkeit.
Klein anfangen und Menschen begegnen
Was also tun? Christian setzt beim Menschen an. Er bringt seine Erfahrung aus der Nervensystem-Arbeit ein und ist überzeugt, dass Organisationen heute mehr sichere Begegnungen brauchen. Gerade wenn Menschen unter Druck stehen, wenn Existenzängste durch KI und Sparrunden wachsen, wird die Fähigkeit, einander mit Neugier und Offenheit zu begegnen, zum entscheidenden Faktor.
Das beginnt klein. Silos aufbrechen, Menschen über Bereichsgrenzen hinweg in echten Dialog bringen, sie wirklich teilhaben lassen. Das braucht manchmal Mut. Und es braucht Zeit, denn solche Kultur entsteht über Beziehungen und nicht über Ansagen.
«Menschen so behandeln, wie wir selber gerne behandelt werden.»
– Ari Byland
Eine Organisation so zu gestalten, dass das Erlebnis der Menschen stimmt, passiert nicht über Nacht und nicht per Verordnung. Es braucht Klarheit, die immer wieder neu geschaffen wird, und den Mut, Kontrolle Schritt für Schritt loszulassen. Dabei begleite ich Teams und Führungskräfte: von ersten Impulsen über konkrete Trainings bis zur langfristigen Begleitung, in der Veränderung zu einem kontinuierlichen Lernprozess wird.
Falls dich interessiert, wie wirksame Partizipation in deinem Kontext entstehen kann, lass uns darüber sprechen.
Buchtipps
📘 Value Talks – Wirksame Muster für lernende Organisationen Ari Byland (erscheint April 2026) Das Buch, das den Anstoss für diese Episode gab. Ari widmet darin ein Kapitel dem Konzept Organisational Debt und bietet wirksame Muster für lernende Organisationen. 👉 Mehr erfahren
📘 Creating Space for Teams – A Team Coach’s Guide Christian Hofstetter Christians Playbook mit konkreten Workshop-Formaten, unter anderem zu Dynamic Facilitation und dem Aufbau von Psychological Safety in Teams. 👉 Mehr erfahren
Hinweis
📅 Upcoming Events von Value Talks:
- 3. September: Leadership für Product Owner/Manager
Mehr Veranstaltungen und Trainings: events.valuetalks.ch
Ari Byland
Ari Byland ist der Gastgeber von Value Talks Exchange, einem Podcast, der sich auf Agile, Leadership und New Work konzentriert. Mit einer grossen Leidenschaft für die Verbesserung der Arbeitswelt bringt Ari wertvolle Erfahrungen aus verschiedenen Branchen mit. Sein Engagement für innovative Arbeitsmethoden und sein Streben nach ständiger Verbesserung machen ihn zu einem geschätzten Gesprächspartner für Themen rund um Agilität und effektive Teamarbeit. Ari’s Fähigkeit, komplexe Themen zugänglich zu machen, spiegelt sich in seiner Führung durch die Podcast-Episoden wider, in denen er Experten einlädt, ihre Einsichten und Erfahrungen zu teilen.
Christian Hofstetter
Christian Hofstetter ist ein renommierter Agile und Leadership Coach, der sich darauf spezialisiert hat, Teams und Organisationen bei ihrer Transformation zu unterstützen. Seine Expertise in agilen Methoden und Leadership-Praktiken hat ihm Anerkennung in der Branche eingebracht. Christian ist bekannt für seinen pragmatischen Ansatz, der auf tiefer Empathie und einem soliden Verständnis für die Dynamiken moderner Arbeitsumgebungen basiert. Durch seine Arbeit hilft er Teams, ihre Zusammenarbeit und Effizienz zu maximieren und fördert eine Kultur des kontinuierlichen Lernens und der Anpassungsfähigkeit.
Sowohl Ari als auch Christian stehen als Facilitatoren und Coaches zur Verfügung. Hier geht’s zu den Details.

