Ein Gespräch zwischen Ari Byland und Christian Hofstetter
Einen Tag nach seiner Buchvernissage sitzt Ari Byland etwas zerknittert vor der Kamera. Christian Hofstetter, sonst Co-Host, übernimmt diesmal die Gastgeberrolle – und stellt die Fragen, die viele nach der Lektüre haben dürften. Was steckt wirklich hinter dem Modell? Und was macht man damit am Montag im nächsten Teammeeting?
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Eine fiktive Person – und doch so real
Christian steigt mit einer Figur aus dem Buch ein: Jana Meier. Eine fiktive Mitarbeiterin, die im Büro abwesend wirkt – und abends im Verein aufblüht. Ob es eine echte Jana Meier gibt?
Ari lacht. «Eigentlich nicht nur eine.» Die Figur ist aus vielen Begegnungen entstanden. Und der Hintergrund ist bekannt: Gemäss Gallup-Studie sind rund 92 von 100 Mitarbeitenden nicht wirklich engagiert. Was weniger diskutiert wird: Das ist kein Zufall. Es hängt eng damit zusammen, wie Führung in Organisationen funktioniert – oder eben nicht.
Das Buch versucht nicht, Jana Meier zu reparieren. Es fragt: Was müsste sich an der Organisation ändern, damit sie nicht mehr in zwei Welten lebt?
Das Buch «Wirksame Muster für lernende Organisationen»
Das neue Buch von Ari Byland. Kein Rezept, sondern eine Einladung: Organisationen kollaborativer und partizipativer zu denken und zu gestalten.
Warum «Agilität» kaum vorkommt
Christian hakts nach – halb provokativ: Ari ist Professional Scrum Trainer. Warum kommt «Agilität» im Buch kaum vor?
Ari muss kurz überlegen. «Das war kein bewusster Entscheid. Aber der springende Punkt ist: Es geht nicht um Agilität. Es geht darum, wie wir Organisationen so gestalten, dass sie den Herausforderungen der heutigen Zeit gerecht werden – und gleichzeitig den Menschen.» Agile Prinzipien sind eine mögliche Orientierung. Aber über Agilität und Scrum gibt es schon so viele Bücher. Dieses hier fragt anders.
Das Buch ist auch kein Rezeptbuch. Man kann es nicht aufschlagen und sagen: aha, so macht man Führung jetzt. Es soll anregen. Ideen geben. Und dann die Frage offenlassen: Was davon passt zu uns?
Drei Hüte auf dem Tisch
Der Kern des Gesprächs – und des Buches – ist das Co-Leadership-Modell. Christian beschreibt es treffend: drei Perspektiven, gleichberechtigt nebeneinander. Ari korrigiert sanft: «Perspektiven ist mir eigentlich sympathischer als Rollen.» Denn es geht nicht darum, dass drei Personen drei Funktionen übernehmen. Es geht darum, dass diese drei Blickwinkel in einer Organisation bewusst vertreten sind.
Die erste Perspektive gilt dem Produkt und der Wertschöpfung. Was schaffen wir als Organisation, und wie gestalten wir unseren Wertbeitrag? Die zweite gilt dem Team: Was braucht es, damit es gut funktioniert – intern und im Zusammenspiel mit anderen? Die dritte gilt dem Menschen. Nicht als Ressource, sondern als Person. Wie ist seine Erfahrung in der Organisation, vom ersten Kontakt bis zum Abschied?

Wenn die Perspektiven in Spannung geraten
Christian bringt ein konkretes Beispiel aus dem Buch: Eine Mitarbeiterin möchte das Team wechseln. Der Product Owner sagt: unbedingt, wir brauchen sie dort. Der Team Coach sagt: Moment, das Team hat schon wieder Fluktuation. People Experience sagt: sie ist bereit, lass sie gehen. Drei Perspektiven, drei verschiedene Antworten. Macht das die Entscheidung nicht schwieriger?
«In einer klassischen Organisation entscheidet eine Person – und das wirkt einfacher. Aber die Kosten sind nicht transparent.» Ari Byland
Das Team, das nachher schlechter funktioniert, erscheint in keiner Erfolgsrechnung. Die Mitarbeiterin, die drei Monate später kündigt, weil sie sich nicht gehört fühlt, schon. Wenn drei Perspektiven am Tisch sind, werden diese Auswirkungen sichtbar – und gemeinsam abgewogen. Das ist nicht effizienter. Aber es ist robuster.
Unter Druck – was passiert mit der Haltung?
Christian schiebt eine ehrliche Frage nach: In der Realität ist der Druck hoch, die Neugier oft weg, die Angst präsent. Was passiert mit dieser Haltung, wenn Stress ins System kommt?
Ari gibt keine einfache Antwort. «Die Tendenz ist gross, zu Bewährtem zurückzukehren.» Ein Führungsmodell zu wechseln braucht Zeit – und es braucht den Mut, vorübergehend langsamer zu werden, um danach schneller zu sein. Er zitiert Christian aus einer früheren Episode: «Going slow for going fast.» Für eine Organisation ist das brutal schwierig. Aber die Alternative – unsichtbare Kosten weiter anwachsen lassen – ist es langfristig auch.
Ein erster Schritt für Montag
Christian will es konkret: Was ist ein kleiner, erster Schritt für jemanden, der in einer klassischen Linienorganisation arbeitet und noch weit weg ist von Co-Leadership?
Aris Antwort ist direkt umsetzbar. Beim nächsten Teammeeting, beim nächsten Entscheid: drei Hüte auf den Tisch legen. Einen für die Wertschöpfungs-Perspektive. Einen für die Team-Perspektive. Einen für die Menschen-Perspektive. Und sie explizit verteilen – nicht nur an die Teamleitung, sondern an alle im Raum.
Das ist kein Systemwechsel. Es ist eine Einladung zur Bewusstheit. Welche Perspektive fehlt gerade? Wer trägt sie – oder wer trägt sie nicht?
Intentionally incomplete
Christian provoziert zum Schluss noch einmal: Ist «intentionally incomplete» nicht einfach bequem für einen Autor, der nicht alle Antworten hat?
Ari nimmt es mit Humor – und bleibt dabei. «Möglicherweise gibt es viele Antworten, die im Buch nicht sind, weil ich sie schlicht nicht kenne.» Aber es ist mehr als eine Entschuldigung. Organisationen sind komplexe, lebendige Systeme. Ein Buch, das so tut, als hätte es alle Antworten, würde dieser Komplexität nicht gerecht.
«Ich möchte Neugierde wecken. Einladen, Organisationen kollaborativer und partizipativer zu denken und zu gestalten.» Ari Byland
Die Zeiten, in denen Rezepte reichen, sind vorbei. Was bleibt, ist das Nachdenken, das Ausprobieren, das gemeinsame Lernen – in der Organisation und im Gespräch darüber.
Wenn du spürst, dass in deiner Organisation eine der drei Perspektiven systematisch fehlt, lohnt es sich, genau dort anzusetzen. Manchmal braucht es dafür nur drei Hüte auf einem Tisch. Manchmal braucht es mehr – einen geschützten Rahmen, in dem Spannungen ausgehalten und Entscheidungen gemeinsam getragen werden können.
Falls dich interessiert, wie strukturierte Begleitung oder ein Sparring in deinem Kontext aussehen könnte, kannst du hier unkompliziert einen Termin einstellen.
Was ist deine Erfahrung mit Führungsmodellen, die Perspektiven bewusst verteilen? Gibt es in deiner Organisation eine Perspektive, die systematisch zu kurz kommt? Ich bin gespannt auf deine Einschätzung.
Buchtipps
📘 Value Talks – Wirksame Muster für lernende Organisationen Ari Byland (erscheint April 2026) Das Buch, das den Anstoss für diese Episode gab. Ari widmet darin ein Kapitel dem Konzept Organisational Debt und bietet wirksame Muster für lernende Organisationen. 👉 Mehr erfahren
📘 Creating Space for Teams – A Team Coach’s Guide Christian Hofstetter Christians Playbook mit konkreten Workshop-Formaten, unter anderem zu Dynamic Facilitation und dem Aufbau von Psychological Safety in Teams. 👉 Mehr erfahren
Hinweis
📅 Upcoming Events von Value Talks:
Alle Infos und Anmeldung: events.valuetalks.ch
Ari Byland
Ari Byland ist der Gastgeber von Value Talks Exchange, einem Podcast, der sich auf Agile, Leadership und New Work konzentriert. Mit einer grossen Leidenschaft für die Verbesserung der Arbeitswelt bringt Ari wertvolle Erfahrungen aus verschiedenen Branchen mit. Sein Engagement für innovative Arbeitsmethoden und sein Streben nach ständiger Verbesserung machen ihn zu einem geschätzten Gesprächspartner für Themen rund um Agilität und effektive Teamarbeit. Ari’s Fähigkeit, komplexe Themen zugänglich zu machen, spiegelt sich in seiner Führung durch die Podcast-Episoden wider, in denen er Experten einlädt, ihre Einsichten und Erfahrungen zu teilen.
Christian Hofstetter
Christian Hofstetter ist ein renommierter Agile und Leadership Coach, der sich darauf spezialisiert hat, Teams und Organisationen bei ihrer Transformation zu unterstützen. Seine Expertise in agilen Methoden und Leadership-Praktiken hat ihm Anerkennung in der Branche eingebracht. Christian ist bekannt für seinen pragmatischen Ansatz, der auf tiefer Empathie und einem soliden Verständnis für die Dynamiken moderner Arbeitsumgebungen basiert. Durch seine Arbeit hilft er Teams, ihre Zusammenarbeit und Effizienz zu maximieren und fördert eine Kultur des kontinuierlichen Lernens und der Anpassungsfähigkeit.
Sowohl Ari als auch Christian stehen als Facilitatoren und Coaches zur Verfügung. Hier geht’s zu den Details.

