Ein Gespräch zwischen Ari Byland und Christian Hofstetter
KI ist kein zukünftiges Thema mehr – es ist da. Und es überfordert. Nicht weil die Technologie zu komplex ist, sondern weil Organisationen noch keine Antworten haben. Was das mit Führung zu tun hat – und wo man konkret anfangen kann – darum geht es in dieser Episode des Value Talks Exchange.
Verfügbar auf Apple Podcasts und Spotify
Der Elefant im Raum
Christian Hofstetter und ich haben uns in dieser Episode endlich ein Thema vorgenommen, das schon lange zwischen uns stand: Künstliche Intelligenz und was sie mit Menschen, Teams und Organisationen macht. Nicht als Jubel-Episode, nicht als Untergangs-Szenario. Sondern als ehrliche Reflexion zweier Menschen, die mitten im Thema stehen – und selbst keine abschliessenden Antworten haben.
Was uns dabei besonders beschäftigt, ist keine technische Frage. Die Leitfrage ist: Wie können Organisationen mit Unwissenheit und Unsicherheit umgehen? Diese Spannung ist nicht neu. Aber KI akzentuiert sie mit einer Dringlichkeit, die viele Organisationen noch nicht eingeholt hat.
Dabei beobachten wir eine merkwürdige Ironie. Zwischen 2022 und 2025 wurde Agilität vielerorts totgeredet. Scrum interessiere niemanden mehr, hiess es. Und jetzt kommt eine Technologie, die genau das zur Grundlage macht, was in dieser Zeit abgehakt wurde: die Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen, Hypothesen zu bilden, in Experimenten zu lernen. Was für überholt erklärt wurde, ist heute das Fundament.
Die eigentliche Führungsaufgabe
Ein Bild aus dem Gespräch hat mich besonders getroffen. Christian berichtet von Teams, die in ihrer Freizeit ausprobieren, Prototypen bauen, kreative Lösungen entwickeln. Und die dann ins Arbeitsumfeld kommen – und gar nicht können. Nicht weil sie nicht wollen. Sondern weil Governance fehlt, Lizenzen fehlen, Entscheidungswege zu lang sind.
«Wir müssen unseren Teams Raum, Zeit und Platz geben, zu experimentieren und zu lernen.»
Ari Byland
Das macht deutlich: Das Problem ist nicht die Technologie. Das Problem ist die organisationale Infrastruktur. Und die zu schaffen, ist Führungsaufgabe.
Besonders spürbar wird das bei der Entscheidungsfähigkeit. Teams, die anfangen zu experimentieren und neue Erkenntnisse gewinnen, stoppen an dem Punkt, wo Entscheidungen durch ein zentrales Gremium laufen müssen. Der Pace verpufft – die ganze Energie geht verloren. Dezentrale Entscheidungsfähigkeit innerhalb klarer Rahmenbedingungen ist deshalb einer der wesentlichsten Hebel, an denen Organisationen heute arbeiten müssen.
Drei Stufen der KI-Reife
Im Gespräch entwickeln wir gemeinsam ein grobes Bild davon, wie unterschiedlich weit Organisationen heute sind. Eine erste Stufe ist das grundlegende Verstehen: Was ist überhaupt möglich? Das ist die Wissensbasis, ohne die nichts anderes funktioniert. Eine zweite Stufe ist die gezielte Automatisierung – KI als Effizienzgewinn in bestehenden Prozessen. Und eine dritte Stufe beschreibt Organisationen, die sich fundamental neu aufbauen: mit KI im Kern, mit autonomen Agenten, die Aufgaben übernehmen, und mit Menschen, die diese Agenten orchestrieren.
Die Mehrheit der Corporates befindet sich aktuell noch auf der ersten Stufe. Alles ist Copilot. Alles ist Microsoft. Was heute bereits möglich wäre, bleibt unsichtbar.
Christian bringt ein eindrückliches Beispiel: Ein Hauptentwickler zeigt ihm, wie ein autonomer Agent von der Produktvision über PRDs und Roadmap bis zur Implementierung und Tests ein Produkt baut – in Stunden oder wenigen Tagen. Faszinierend. Und gleichzeitig herausfordernd, besonders für Menschen, deren Identität eng mit dem Handwerk verknüpft ist.
«Das spaltet mich als Mensch. Auf der einen Seite diese Begeisterung – ich bin am Strahlen. Und gleichzeitig: Was bedeutet das für unsere Organisationen? Was bedeutet das für die Entwicklerinnen?»
Christian Hofstetter
Konkret anfangen – aber womit?
Beide von uns haben nicht die Antwort. Aber wir haben einen Startpunkt.
Meiner beginnt mit Neugier. Als Führungsperson das Gespräch im Team suchen: Wo steht ihr? Was habt ihr schon ausprobiert? Wie steht ihr emotional dazu? Und dabei selbst herzustehen und zu sagen: Ich weiss es auch nicht. Dieses Eingestehen von Nichtwissen ist keine Schwäche – es ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für psychologische Sicherheit im Team.
Christians Empfehlung lautet: Schau in deiner Organisation, welche Teams oder Menschen bereits zwei Schritte voraus sind. Er nennt sie «Lichtdümpel» – und ist überzeugt, dass man sie findet, wenn man offen und neugierig genug sucht. Diese Teams einladen, intern zu zeigen, was sie bereits machen. Show and Tell statt Schulungsfolien.
Und dann: Hands-on werden. Nicht Wochen im Voraus planen, sondern eine zwei- bis dreistündige Explorations-Session machen. Werkzeuge installieren. Ausprobieren. Die Hände schmutzig machen. Christian bringt dafür ein schönes Bild: Man lernt Tennis nicht mit einem Volleyball. Man muss den Tennisschläger in der Hand haben.
Was am Ende des Gesprächs bei Christian hängen bleibt, trifft es vielleicht am besten. Trotz oder gerade wegen der Künstlichkeit des Themas war dieses Gespräch zutiefst menschlich.
«Von künstlich zu menschlich.»
Christian Hofstetter
Damit Teams in Organisationen wirklich experimentieren und lernen können, braucht es mehr als gute Absichten. Es braucht Strukturen, Rahmenbedingungen und Entscheidungsprozesse, die das erst ermöglichen – nicht als einmalige Massnahme, sondern als Muster, das sich in der täglichen Arbeit zeigt. Genau daran arbeite ich mit Organisationen: ob bei der Entwicklung konkreter Arbeitsweisen und Rollen, bei der Begleitung von Veränderungsprozessen oder im Sparring mit Führungspersonen, die mitten in dieser Spannung stehen.
Falls dich interessiert, wie das in deinem Kontext aussehen könnte, nimm Kontakt auf.
Was sind deine Erfahrungen: Haben die Menschen in deiner Organisation heute den Raum, sich mit KI zu beschäftigen – und was braucht es, damit das nicht vor allem in der Freizeit passiert?
Buchtipps
📘 Value Talks – Wirksame Muster für lernende Organisationen Ari Byland (erscheint April 2026) Das Buch, das den Anstoss für diese Episode gab. Ari widmet darin ein Kapitel dem Konzept Organisational Debt und bietet wirksame Muster für lernende Organisationen. 👉 Mehr erfahren
📘 Creating Space for Teams – A Team Coach’s Guide Christian Hofstetter Christians Playbook mit konkreten Workshop-Formaten, unter anderem zu Dynamic Facilitation und dem Aufbau von Psychological Safety in Teams. 👉 Mehr erfahren
Hinweis
📅 Upcoming Events von Value Talks:
Alle Infos und Anmeldung: events.valuetalks.ch
Ari Byland
Ari Byland ist der Gastgeber von Value Talks Exchange, einem Podcast, der sich auf Agile, Leadership und New Work konzentriert. Mit einer grossen Leidenschaft für die Verbesserung der Arbeitswelt bringt Ari wertvolle Erfahrungen aus verschiedenen Branchen mit. Sein Engagement für innovative Arbeitsmethoden und sein Streben nach ständiger Verbesserung machen ihn zu einem geschätzten Gesprächspartner für Themen rund um Agilität und effektive Teamarbeit. Ari’s Fähigkeit, komplexe Themen zugänglich zu machen, spiegelt sich in seiner Führung durch die Podcast-Episoden wider, in denen er Experten einlädt, ihre Einsichten und Erfahrungen zu teilen.
Christian Hofstetter
Christian Hofstetter ist ein renommierter Agile und Leadership Coach, der sich darauf spezialisiert hat, Teams und Organisationen bei ihrer Transformation zu unterstützen. Seine Expertise in agilen Methoden und Leadership-Praktiken hat ihm Anerkennung in der Branche eingebracht. Christian ist bekannt für seinen pragmatischen Ansatz, der auf tiefer Empathie und einem soliden Verständnis für die Dynamiken moderner Arbeitsumgebungen basiert. Durch seine Arbeit hilft er Teams, ihre Zusammenarbeit und Effizienz zu maximieren und fördert eine Kultur des kontinuierlichen Lernens und der Anpassungsfähigkeit.
Sowohl Ari als auch Christian stehen als Facilitatoren und Coaches zur Verfügung. Hier geht’s zu den Details.

