Kaum ein Unternehmen möchte den KI-Zug verpassen. Also kaufen wir Lizenzen, schulen Mitarbeitende und entwickeln Strategien. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Doch kopieren wir dabei vielleicht nur das Sichtbare – und übersehen die eigentlichen Erfolgsfaktoren?
Die grösste Triebfeder vieler KI-Initiativen ist derzeit nicht Strategie, sondern FOMO («Fear Of Missing Out»). Geschäftsleitungen, Teams und Mitarbeitende befürchten, angesichts der rasanten Entwicklung von KI etwas zu verpassen.
Also werden sie aktiv:
- kaufen Copilot-Lizenzen und Claude-Tokens,
- schicken Mitarbeitende in KI-Schulungen,
- bilden Führungspersonen zur strategische Bedeutung von KI weiter.
Man will ja nichts verpassen. Man darf nichts verpassen.
Die Medien sind gleichzeitig voll von Artikeln, über die exorbitante Bewertung von KI-Unternehmen und zu den neuesten Übernahmen für Milliardenbeträge.
Und ganz offensichtlich nutzen diese Unternehmen ja KI! Also müssen wir auch.
Cargo Kult: Wir beobachten, was erfolgreiche Organisationen tun – und kopieren das Sichtbare. In der Hoffnung, dieselbe Wirkung zu erzielen. Dabei entzieht sich uns oft der eigentliche Erfolgsmechanismus. Wir imitieren das Artefakt, nicht das System dahinter.
Während des Hype um “Agile” war dieser Cargo-Kult bei vielen Unternehmen und Teams zu beobachten: Das Vordergründige wurde kopiert. Daily Stand-Ups, Spotify-Model, OKRs, etc.
Das weniger sichtbare (und oft die eigentlichen Erfolgsfaktoren) rührte niemand an: Anpassen von Entscheidungsarchitektur und Abhängigkeiten zwischen Teams, etablieren eines neuen Führungsverständnisses, akzeptieren von Unplanbarkeit komplexer Arbeit.
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Das gleiche passiert uns jetzt mit KI. Wir kopieren das sichtbare Verhalten erfolgreicher Unternehmen. Und hoffen, damit selbst erfolgreich zu werden.
Diese Denkfalle ist zutiefst menschlich und kein Versagen. Cargo-Kult ist also keine Eigenschaft “der anderen”, sondern eine menschliche Neigung. Wir tendieren dazu, sichtbare Muster zu imitieren, da wir komplexe Ursache-Wirkungs-Zusammehänge nicht vollständig verstehen.
Wir übersehen, dass diese “KI-Unternehmen” häufig von Grund auf auf die Nutzung von KI ausgelegt sind. Oft wissen wir nicht, nach welchen Grundsätzen Teams organisiert sind und wie die Entscheidungsarchitektur aussieht. Wir sehen aber, ganz offensichtlich: “Die investieren in KI.” Also investieren wir auch in KI.
Die Muster erfolgreicher Unternehmen sind mit oder ohne KI die gleichen: Nah bei den Kunden, schnelle Entscheidungswege, wenig Abhängigkeiten zwischen Teams, Lern- und Anpassungsfähigkeit. Haben wir diese Muster bei uns etabliert, kann KI effektiven Mehrwert schaffen, sei es in kürzerer Time-to-market oder höherer Produktivität. Ohne bleibt es eine Investition, die keine oder nur wenig Früchte tragen wird.
Was können wir nun tun? Unser Bewusstsein schärfen, dass einfache Muster und Werkzeuge keine Lösung unserer Probleme sein werden. In Diskussionen immer wieder bewusst auf die Frage zurück: “Welches Problem wollen wir damit eigentlich lösen?” Uns die Frage stellen: “Wo besteht der eigentliche Flaschenhals in unserer Wertschöpfung?” Und nicht zuletzt: “Welchen Prozess, welche Regel braucht es bei uns nicht mehr?”
Auch KI ist nicht die ersehnte “Silver Bullet”. Wie sie auch Scrum oder Agile nicht war. Kein Werkzeug nimmt uns die harte, oft mühselige und unspektakuläre Arbeit der organisationalen Veränderung ab. Organisationen sollten unbedingt mit KI experimentieren und Erfahrungen sammeln. Problematisch wird es erst, wenn es beim Kauf von Tools oder “Enablement der Mitarbeitenden” bleibt.
Die wichtigste KI-Frage ist keine Technologiefrage. Sie lautet: Welches organisationale Problem lösen wir eigentlich?
KI & Organisation
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Ari Byland begleitet Organisationen dabei, Führung und Zusammenarbeit so zu gestalten, dass sie mit Komplexität umgehen können und Entscheidungen dort fallen, wo das Wissen sitzt. Sein Buch «Value Talks – Wirksame Muster für lernende Organisationen» erschien im April 2026

