KI und Entscheidungskultur: Dürfen Sie falsch liegen?

Dürfen Sie falsch liegen?

Ich erinnere mich an viele GL-Meetings und Projektausschüsse, in denen grosse Entscheidungen anstanden. Teams hatten alles sauber aufbereitet, die komplexe Materie verdichtet, drei Varianten zur Auswahl vorgelegt. Das Gremium musste nur noch entscheiden.

Früher oder später fiel dann der gefürchtete Satz: «Das können wir so nicht entscheiden – wir brauchen mehr Informationen.»

Was folgte: ein neuer Termin, weitere Abklärungen, mehr Absicherung. Die Entscheidung wurde vertagt. Oft nicht nur einmal, sondern wieder und wieder.

Das hat wenig mit Sorgfalt zu tun

Es hat mit Anreizen zu tun:

Die persönlichen Kosten einer Fehlentscheidung sind höher als die persönlichen Kosten einer Nicht-Entscheidung.

Wer entscheidet und falsch liegt, ist sichtbar. Wer nicht entscheidet, bleibt unsichtbar – auch wenn die Organisation dadurch genauso Schaden nimmt. Wenn Unternehmen Fehlentscheide härter sanktionieren als Entscheidungsverzögerung, ist das rationales Verhalten. Nicht Feigheit, sondern Kalkül – wenn auch unbewusstes.

Mikael Krogerus brachte es in einer Value Talks Podcast-Episode auf den Punkt: Echte Entscheidungen entstehen immer unter Unsicherheit — mit unvollständigen Informationen, unter Zeitdruck, mit unklaren Konsequenzen. Die fehlende Information, auf die gewartet wird, wird in den meisten Fällen nie vollständig vorliegen. Das ist die Normalität von Komplexität.

Was KI damit zu tun hat

KI akzentuiert diese Situation erheblich und macht sie sichtbarer. Im Produktmanagement, in der Produktentwicklung, in der Strategiearbeit: KI ermöglicht es, in kurzer Zeit viele Optionen zu generieren, Szenarien durchzuspielen, Entscheidungsgrundlagen zu verdichten.

Welche Option die richtige ist, kann auch KI nicht sagen. Was KI verändert: das Tempo, in dem Entscheidungen gefordert werden. Wer schnell Optionen hat, muss schnell auswählen, lernen, adjustieren. Das kollidiert direkt mit einer Kultur, in der Absicherung wichtiger ist als Geschwindigkeit.

Das Ergebnis kennen wir aus Artikel 1: mehr Output, der nirgendwo landet. Mehr Antworten, über die niemand entscheidet.

Struktur allein reicht nicht

Es ist deshalb zwingend, an der Entscheidungskultur zu arbeiten und nicht nur an der Entscheidungsstruktur. Fehlentscheidungen müssen als Lernmöglichkeit anerkannt werden. Nicht gefeiert. Aber auch nicht sanktioniert.

Der Engpass ist nicht die fehlende Information. Es ist die Kultur, die auf sie wartet.

Wie geht Ihr Unternehmen mit Fehlentscheidungen um? Und wie hoch sind die Kosten von Nicht-Entscheidungen bei Ihnen?


Das ist Artikel 2 einer Serie zu KI und Organisation. Alle Artikel finden Sie hier.


Ari Byland begleitet Organisationen dabei, Führung und Zusammenarbeit so zu gestalten, dass Entscheidungen dort fallen, wo das Wissen sitzt. Sein Buch «Value Talks – Wirksame Muster für lernende Organisationen» erschien im April 2026.

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