Cover Value Talks Interview

Cultural Intelligence: The Leadership Skill You’re Missing

Ein Gespräch mit Jacqueline Rulander

Was unterscheidet ein gut funktionierendes multikulturelles Team von einem, das ständig aneinander vorbei redet? Die Antwort liegt in einem Wort: Intentionalität. In dieser Episode spricht Christian Hofstetter mit Jacqueline Rulander über Cultural Intelligence – die Führungskompetenz, die in unserer globalisierten Arbeitswelt oft übersehen wird, aber den entscheidenden Unterschied macht.

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Warum klassisches Teambuilding nicht reicht

Skifahren mit dem Team, ein Escape Room oder gemeinsames Kochen – solche Aktivitäten machen Spass, aber reichen sie aus, um ein multikulturelles Team wirklich zusammenzuschweissen? Jacqueline Rulander ist überzeugt: Nein. «Das Problem ist nicht die Aktivität selbst», erklärt sie. «Es fehlt die Reflexion danach. Wir machen das Spassige, aber nehmen uns keine Zeit, darüber nachzudenken, was wir dabei über uns und unsere Teammitglieder gelernt haben.»

Jacqueline stammt ursprünglich aus Barbados und lebt seit über 13 Jahren in Schweden. Als Coach und Trainerin im Bereich People Development hat sie unzählige Teams begleitet – und dabei immer wieder beobachtet, wie kulturelle Unterschiede zu Missverständnissen führen, die eigentlich vermeidbar wären.

Cultural Intelligence: Mehr als nur Wissen über andere Kulturen

Cultural Intelligence – oder kurz CQ – ist die Fähigkeit, in interkulturellen Situationen effektiv zu agieren. Es geht dabei nicht nur darum, Fakten über andere Kulturen zu kennen, sondern um eine grundlegende Haltung der Intentionalität. «Du musst aktiv Schritte unternehmen», betont Jacqueline. «Es reicht nicht, die Dinge einfach geschehen zu lassen. Du musst dich selbst verstehen, andere verstehen und dann bewusst handeln.»

Das Vertrauensproblem in multikulturellen Teams

Patrick Lencionis Modell der «Five Dysfunctions of a Team» beginnt mit dem Fundament: Vertrauen. Doch gerade in multikulturellen Teams ist Vertrauen schwer aufzubauen. Jacqueline macht das an einem konkreten Beispiel deutlich: «Stell dir vor, jemand in deinem Team kommuniziert ständig indirekt. Als Schweizer oder Deutscher denkst du vielleicht: Warum sagt er nicht einfach, was er meint? Er versteckt doch etwas!»

Das Problem? Diese Person kommuniziert aus ihrer kulturellen Perspektive völlig klar und respektvoll. Die Interpretation als «unehrlich» oder «ausweichend» ist eine Projektion der eigenen kulturellen Normen.

Assume the Best – Respekt als Startpunkt

Eine zentrale Empfehlung von Jacqueline: «Geh mit Respekt in jede Interaktion, anstatt zu erwarten, dass andere sich deinen Respekt erst verdienen müssen.» In westlichen Kulturen ist es oft üblich, dass Respekt erarbeitet werden muss. Aber in einem multikulturellen Kontext funktioniert das nicht – die Kriterien, nach denen wir Respekt vergeben, sind kulturell geprägt und für Menschen aus anderen Kulturen oft unerreichbar.

Reflexion als Schlüssel

Was können Führungskräfte konkret tun? Jacqueline empfiehlt einen einfachen, aber wirkungsvollen Ansatz: «Beginne bei dir selbst. Lerne dich und deine eigene Kultur besser kennen. Wenn du verstehst, warum du in bestimmten Situationen so reagierst, wie du reagierst, dann erkennst du auch, dass das nicht die universelle Wahrheit ist – sondern einfach deine kulturelle Prägung.»

Diese Selbsterkenntnis führt zu mehr Empathie. Du siehst die andere Person nicht mehr als «schwierigen Ausländer», sondern als Menschen mit einer anderen, aber ebenso validen Perspektive.

Die Macht der richtigen Fragen

Eine praktische Übung, die Jacqueline in Workshops nutzt: Sie lässt Teammitglieder die Stereotypen über ihre eigene Kultur teilen – und dann erzählen, wie es sich anfühlt, wenn andere diese Annahmen machen. Das schafft Empathie und öffnet den Raum für ehrliche Gespräche.

Christian Hofstetter reflektiert im Gespräch selbst: «Ich habe fast 10 Jahre mit Teams gearbeitet und dabei einen massiven blinden Fleck gehabt. Ich habe immer das System gesehen, die Beziehungen – aber nicht, dass jeder einzelne Mensch aus einem komplett anderen kulturellen Kontext kommt.»


Praxis-Tipps

Für Führungskräfte und Teammitglieder

  1. Beginne bei dir selbst – Verstehe deine eigene kulturelle Prägung, bevor du andere beurteilst. Frage dich: Warum reagiere ich so? Ist das eine universelle Wahrheit oder meine kulturelle Norm?
  2. Assume the Best – Gehe mit grundlegendem Respekt in jede Interaktion. Interpretiere Verhalten nicht sofort negativ, sondern frage nach.
  3. Fragen statt Annahmen – Wenn du jemanden aus einer anderen Kultur triffst, stelle Fragen, anstatt mit deinen Stereotypen anzukommen.
  4. Reflexion einbauen – Nach Teamaktivitäten Zeit nehmen für Fragen wie: Was habe ich über mich gelernt? Was habe ich über andere gelernt?
  5. Beobachten vor Handeln – In neuen kulturellen Kontexten erst beobachten, statt sofort einzugreifen.
  6. Stereotype diskutieren – Im Team offen über kulturelle Stereotype sprechen und wie es sich anfühlt, darauf reduziert zu werden.
  7. Weiterbilden – Ressourcen zu Cultural Intelligence nutzen: Bücher lesen, LinkedIn-Experten folgen, Webinare besuchen.

Buchtipps

The Culture Map – Erin Meyer

Ein faszinierender Blick auf kulturelle Unterschiede im Business-Kontext. Meyer analysiert acht Dimensionen, in denen sich Kulturen unterscheiden – von Kommunikationsstilen bis hin zu Entscheidungsfindung. Jacqueline empfiehlt das Buch wärmstens: «Ich habe es als Hörbuch gehört und war die ganze Zeit am Staunen.»

📚 Goodreads-Link

The Five Dysfunctions of a Team – Patrick Lencioni

Ein Klassiker der Teamführung, der erklärt, warum Vertrauen das Fundament jedes erfolgreichen Teams ist. Besonders relevant für multikulturelle Teams, wo der Vertrauensaufbau zusätzliche Herausforderungen mit sich bringt.

📚 Goodreads-Link


Über den Gast

Jacqueline Rulander stammt ursprünglich aus Barbados und lebt seit über 13 Jahren in Schweden. Ursprünglich als Tierärztin ausgebildet, arbeitet sie seit einem Jahrzehnt im Bereich People Development als Coach und Trainerin. Sie betreibt zwei Marken unter ihrem Unternehmen Vetcraft Creative Studios – eine fokussiert auf persönliche Entwicklung, die andere auf die Unterstützung von global mobilen Mitarbeitenden und ihren Familien. Zudem hat sie die Culture Bridge Association gegründet, um positive interkulturelle Verbindungen in Schweden zu fördern.

🌐 Website 💼 LinkedIn


Weiterführende Ressourcen

Dr. David Livermore – Experte für Cultural Intelligence 💼 LinkedIn


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