Ein Gespräch von Ari Byland mit Antony Parry
Co-Active Leadership stellt eine einfache, aber herausfordernde Idee ins Zentrum: Jede Person ist eine Führungsperson. Nicht dank Titel, sondern durch Haltung, Verantwortung und Wirkung. In dieser Value Talks-Episode sprechen Antony Perry (CTI) und Ari Byland über die fünf Dimensionen des Modells – praxisnah, menschlich, ohne Marketingsprech.
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Führung neu denken: Das Co-Active Leadership Modell
Was heisst es, zu führen – ohne Titel, ohne Hierarchie, ohne Machtspiel? Diese Frage steht im Zentrum der neuen Value Talks-Episode mit Antony Perry vom Co-Active Training Institute (CTI). Gemeinsam mit Ari Byland spricht er darüber, wie das Co-Active Leadership Model Menschen befähigt, Verantwortung zu übernehmen – im Kleinen wie im Grossen, im Team wie im gesamten System.
Das Gespräch ist ruhig, aber kraftvoll. Es verschiebt den Blick von Position zu Haltung, von Kontrolle zu Beziehung, von Management zu Bewusstsein. Co-Active Leadership bedeutet, Führung als gemeinsame Praxis zu verstehen – eine, die auf Präsenz, Vertrauen und gegenseitiger Unterstützung beruht.
Vom Journalismus zum Coaching – eine Haltung der Neugier
Antony Perry bringt mehr als dreissig Jahre journalistische Erfahrung mit. Als früherer BBC-Redaktor hat er gelernt, zuzuhören, zwischen den Zeilen zu lesen und Muster zu erkennen. Heute arbeitet er als Executive Coach und Faculty-Mitglied bei CTI. Diese biografische Mischung aus journalistischer Neugier und Coaching-Kompetenz macht das Gespräch besonders lebendig. Es geht nicht um Methoden, sondern um Haltungen, um die Art, wie Menschen sich begegnen, Verantwortung übernehmen und Vertrauen gestalten.
Führung als geteilte Verantwortung
Im Kern des Modells steht ein Gedanke: Jede Person ist eine Führungsperson. Nicht weil sie eine Position innehat, sondern weil sie wirksam ist – durch Entscheidungen, durch Haltung, durch Beziehung. Co-Active Leadership beschreibt fünf Dimensionen, in denen sich Führung ausdrücken kann. Sie sind keine Hierarchiestufen, sondern Perspektiven, die sich je nach Situation verschieben.
- Leader Within: Selbstführung und innere Klarheit. Wer weiss, wofür er steht, kann mutig handeln – auch unter Druck.
- Leader In Front: Richtung geben und andere einladen, mitzuwirken. Führung als Angebot, nicht als Anordnung.
- Leader Behind: Rückhalt geben. Anderen ermöglichen, zu glänzen – ohne die eigene Bedeutung zu verlieren.
- Leader Beside: Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Gemeinsames Lernen, geteilte Verantwortung, offenes Feedback.
- Leader In The Field: Wahrnehmen, was nicht ausgesprochen wird. Auf Intuition und kollektive Intelligenz hören.
Fünf Dimensionen – ein System
Diese fünf Haltungen sind keine Rollen, die man „einübt“. Sie beschreiben vielmehr die Dynamik lebendiger Zusammenarbeit. In jedem Meeting, in jedem Konflikt, in jedem Projekt bewegen sich Menschen zwischen diesen Polen. Wer bewusst zwischen ihnen wechselt, schafft mehr Raum für Verantwortung – und reduziert das Bedürfnis nach formaler Autorität.
Im Gespräch wird deutlich: Das Modell ist keine Theorie, sondern ein Werkzeug für den Alltag. Anthony Perry beschreibt Situationen aus der Praxis – von Projektteams, die sich in Endlosschleifen verfangen, bis zu Führungspersonen, die sich zwischen Vision und Realität aufreiben. Co-Active Leadership hilft, solche Spannungen nicht zu vermeiden, sondern produktiv zu nutzen. Wenn jemand „in Front“ ist, braucht er Menschen „Behind“. Wenn jemand „Beside“ steht, stärkt er die Verbindung. Und wenn niemand das „Feld“ liest, bleibt das Team blind für seine eigene Dynamik.
Der Mut zur Verwundbarkeit
Ein roter Faden zieht sich durch das Gespräch: Wirksamkeit entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Präsenz. Der Mut zur Verwundbarkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Vertrauen. Wer offen zeigt, dass er nicht alle Antworten hat, lädt andere ein, mitzudenken. So entsteht echte Co-Kreation – jenseits von Meetings, Agenden und Rollenbeschreibungen. (Höre auch: Co-Creation: Die Kunst der gemeinsamen Innovation)
Ari Byland bringt diesen Gedanken auf den Punkt: „Verantwortung heisst nicht Selbstüberforderung. Es heisst, den eigenen Einfluss bewusst zu nutzen – unabhängig vom Organigramm.“ Genau hier liegt die Kraft von Co-Active Leadership: Es verschiebt den Fokus von Position zu Potenzial.
Verbindungen zu Value Talks und lernenden Organisationen
Das Thema reiht sich ein in eine Serie von Gesprächen über verteilte Führung, Sense-Making und psychologische Sicherheit. Wer die Episode mit Christian Hofstetter gehört hat, wird viele Parallelen finden: Führung als Beziehungsarbeit, als Spiegel kollektiver Lernprozesse, als mutiger Dialog.
Take-away
Co-Active Leadership bietet keine Rezepte. Es bietet eine Sprache, um über Verantwortung, Einfluss und Wirksamkeit zu sprechen. Es lädt dazu ein, die eigene Rolle im System bewusster zu gestalten – nicht, um mehr zu „führen“, sondern um mehr gemeinsam zu bewirken. (Höre auch: Linienführung in agilen Teams)
Wer sich darauf einlässt, entdeckt Führung als wechselseitiges Spiel: mal vorne, mal hinten, mal daneben – und immer im Kontakt mit dem, was gerade gebraucht wird.
Mehr zu diesen Themen im Buch „Value Talks – Wirksame Muster für lernende Organisationen“ und in weiteren Episoden auf valuetalks.ch. Herzlichen Dank an alle, die zuhören, mitdenken und beitragen – so wird Lernen zum Gespräch.

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Ari Byland ist Organisationsentwickler und Professional Scrum Trainer bei Scrum.org.