Von der Vision zur Aktion: Agile Strategieentwicklung mit Thomas Haas

Ein Gespräch zwischen Ari Byland und Thomas Haas

Strategie fühlt sich oft statisch und theoretisch an – ein dickes Dokument, das nach der grossen Strategie-Review in der Schublade verschwindet, während die Realität längst andere Wege eingeschlagen hat. Doch was, wenn Strategie ein lebendiger, lernender Prozess wäre?

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In dieser Episode von Value Talks diskutiert Ari Byland mit Thomas Haas, Mitautor von «Strategility» und Mitgründer von Go Beyond, wie agile Strategieentwicklung in einer komplexen und dynamischen Welt funktioniert. Thomas bringt Jahre der Erfahrung als Softwareentwickler, Führungskraft und Berater mit und zeigt auf, wie agile Prinzipien die Strategieentwicklung revolutionieren können.

Was ist Strategie wirklich?

Thomas definiert Strategie als gemeinsames Verständnis über die Zukunft und die Grundsatzentscheidungen, die getroffen werden müssen, um dorthin zu gelangen. Dabei unterscheidet er klar zwischen strategischen, taktischen und operativen Fragestellungen: Während Strategie die grösseren Weichenstellungen betrifft, geht es bei Taktik und Operativität um den konkreten Weg dorthin.

Der entscheidende Punkt: Je weniger direkt geführt wird und je komplexer die Arbeitsplätze werden, desto wichtiger wird ein gemeinsames strategisches Verständnis für das Alignment in der Organisation.

«Strategie ist vor allem ein gemeinsames Verständnis über die Zukunft.»

Thomas Haas

Agile Prinzipien treffen auf Strategieentwicklung

Wie verbindet man strategisches Management mit agilen Prinzipien? Thomas und sein Team haben im Rahmen eines Forschungsprojekts verschiedene Aspekte der Agilität für die Strategieentwicklung adaptiert:

  • Iteration: Kleine, schnelle Zyklen statt jahrelanger Planung
  • Kollaboration: Diverse Perspektiven einbeziehen statt Top-down-Entscheidungen
  • Empirisches Arbeiten: Annahmen durch günstige Experimente validieren
  • Teilautonomie: Teams befähigen, strategiekonforme Entscheidungen zu treffen

Der Prozess: Vom Risiko-Jenga zur Hypothese

Der agile Strategieprozess beginnt mit einer zentralen Frage: Welches Problem der Zukunft wollen wir heute lösen? Oft stellt sich dabei heraus, dass gar kein grosser strategischer Wurf nötig ist.

Falls doch Handlungsbedarf besteht, folgt der Risiko-Turm-Ansatz:

  1. Risiken sammeln: Welche Annahmen oder unausgesprochenen Bauchgefühle würden unser Zukunftsbild am schnellsten zum Einsturz bringen?
  2. Priorisieren: Die grössten Risiken (meist nur 5-7) identifizieren
  3. Testen: Hypothesen formulieren und durch schnelle, günstige Experimente validieren

Das Ziel: Möglichst schnell möglichst viel Erkenntnis gewinnen – nicht etwas Perfektes bauen. (Höre auch: Lean Change Management – Organisationsentwicklung in kleinen Schritten)

«Wir haben keine Ahnung von der Zukunft. Wir wissen es nicht. Aber wir können nicht nichts machen.»

Thomas Haas

Von Netflix bis OVS: Lernen durch Experimente

Thomas illustriert den Ansatz mit Beispielen wie Netflix, die ihr werbebasiertes Abo zuerst nur in Brasilien testeten, oder dem gescheiterten OVS-Experiment mit Charles Vögele. Der Unterschied:Bewusst kleine, kontrollierte Tests statt 100-Millionen-Experimente.

«Wenn bei OVS eine Verkäuferin aus der Filiale mitgewirkt hätte, wäre die Strategie in zwei Minuten gestorben», erklärt Thomas. Diverse Perspektiven sind entscheidend für erfolgreiche Strategieentwicklung.

Widerstände und Startpunkte

Die grössten Hindernisse für agile Strategieentwicklung:

  • Kontrollverlust-Ängste bei Führungskräften
  • Zeitmangel bei operativ belasteten Mitarbeitenden
  • Unklare Entscheidungsbefugnisse im Prozess

Thomas‘ Empfehlung: Mit einer klaren strategischen Herausforderung beginnen, sich eine Timebox setzen und einladungsbasiert vorgehen – nur die Motivierten einbeziehen, die andere werden später mitgerissen.

Die Zukunft: KI trifft Strategie

Thomas arbeitet aktuell an der Integration von KI in Strategieprozesse – nicht nur für Analysen, sondern auch für kollaborative Prozesse und strategische Entscheidungshilfen im Alltag. Die Vision: Wenn der Einkäufer vor der Bleistift-Entscheidung steht, kann er die strategische Relevanz seiner Wahl sofort bewerten.

Die wichtigste Erkenntnis: In einer komplexen Welt ist es keine Schwäche, zuzugeben, dass wir die Zukunft nicht kennen. Es ist die Grundlage für agiles, lernorientiertes Handeln.

Key-Takeaways

Timeboxing und adaptives Vorgehen statt starrer Strategieprozesse

Strategie ist ein gemeinsames Verständnis der Zukunft und der Grundsatzentscheidungen, um dorthin zu gelangen

Agile Strategieentwicklung nutzt Iteration, Kollaboration und experimentelles Lernen für schnelle Handlungsfähigkeit

Risiko-Management: Grosse Unsicherheiten durch kleine, schnelle Experimente validieren

Diverse Perspektiven und transparente Entscheidungsbefugnisse stärken das Commitment

Anerkennen von Ungewissheit als Basis für flexible Vorgehensweisen


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Agile Strategieentwicklung mit Thomas Haas

⁠⁠⁠Ari Byland⁠⁠⁠ ist Organisationsentwickler und Professional Scrum Trainer bei Scrum.org.